Reflektion der Workshops im Rahmen des Conclusions Day am 29. Juli

Das übergeordnete Thema des ersten Zyklus des Labs ist „Confronting Comfort“. Zu diesem Thema hat die Mobile Universität Berlin ihre Workshops gedacht und erstellt.

Das Thema bildet eine interessanten Widerspruch, der auf den zweiten Blick erst deutlich macht, dass wir in einem Zeitalter der steigenden Dichte in den Städten leben, was, so zumindest die Prognosen, zukünftig zunehmend zu räumlichen Verteilungskämpfen und Deutungshoheiten führen wird.

Trotzdem die volle Wucht des Themas von der mitteleuropäischen Realität noch weit entfernt ist, sind auch hier in Deutschland schon einzelne Beispiele auf verschiedenen Ebenen zu betrachten. So zum Beispiel wehren sich Bürger und Bürgerinnen gegen die Ausläufer eines lange gehegten technokratischen Demokratieverständnises und protestieren u.a. gegen Baumaßnahmen, in denen dieses Gestalt wird, sich zeigt.

Häufig, so der Eindruck, werden die Wünsche und Ansprüche der Menschen erst sichtbar, wenn diese mit Maßnahmen konfrontiert werden, die das individuelle Komfortgleichgewicht stören. Wir erinnern uns an die schweren Proteste um Stuttgart 21, ein Projekt durch welches das Zentrum einer wünderschönen Stadt, mit vielen, teilweise über 200 Jahre alten Bäumen die zwei Weltkriege überlebt haben, dem Reisekomfort einer ungenauen Zahl an potentiellen Reisenden geopfert wird. Genau so an die Diskussion um die Flugrouten am neuen Berliner Flughafen BER: überall dort, wo der Komfort der einen, meist mobilen Gruppe, erhöht wird, wird eine andere, meist lokale, immobile Gruppe konfrontiert.

Und das nicht ausschließlich bei großen Bauprojekten, die Konfrontation beginnt häufig schon dann, wenn ein Nachbar die Musik zu laut hat oder den schmuddeligen Streifen Erde vor dem Haus auf eigene Initiative begrünt. Von spielenden Kindern oder Street Art soll hier garnicht erst die Rede sein.

Wir müssen also zu erst über individuellen Komfort sprechen, wenn wir über Metaebenen, wie Toleranz sprechen wollen; über Toleranz anderen Meinungen gegenüber genau so, wie verordneten Maßnahmen und hoheitlichen Interessen.

DIE WORKSHOPS DER MOBILEN UNIVERSITÄT BERLIN

Aus dem großen Fundus an möglichen Annäherungen an das Thema, an Deutungen und an Skalierungen des räumlichen Zuschnitts, hat sich die Mobile Universität Berlin auf einen sehr unmittelbaren, persönlichen Zuschnitt, auf einer kleinteiligen räumlichen Ebene bewegt und das Ziel verfolgt, beim Individuum anzusetzen.

Im Folgenden sollen einige der Ergebnisse entlang von drei Begriffen reflektiert werden, die sich innerhalb der abschließenden Diskussion als zentral herausgestellt haben: Wissen, Strategien, Gesellschaft.

WISSEN

Um auskömmlich miteinander leben zu können und den individuellen Komfort dem des/der Anderen nicht gegenüber zu stellen, im schlimmsten Fall auf konfrontation zu gehen, brauchen wir eine gemeinsame Kultur, gemeinsame Regeln und Toleranz.

Insofern bedeutet Aufbau und Verwaltung von Wissen nicht ausschließlich kognitives Wissen zu erlangen, sondern auch soziales und emotionales Wissen auf- und auszubauen, denn eine gemeinsame Kultur beginnt mit der Selbstsicherheit über die eigenen Wünsche und Vorstellungen und erfordert gleichermaßen die Kenntnis des oder der Anderen und deren Wünsche und Vorstellungen.

Der Aushandlungsprozess verbindlicher gemeinsamer Regeln kann nur gemeinsam, integrativ und progressiv von Statten gehen. Alle Argumente müssen Gehör bekommen, alle Bedenken ernst genommen werden. Erst wenn alle Beteiligten das Gefühl haben ihre Bedürfnisse wurden im Prozess gehört und berücksichtigt (wobei es keine Rolle spielt, um welchen Gemeinschaftsprozess es sich handelt) und das Gefühl haben kognitiv, emotional und sozial ein Teil der Gruppe zu sein, erhöht dies die Toleranz gegenüber den Wünschen und Vorstellungen des/der Anderen. Diese Personen sind eher bereit, zu Gunsten einer stabilen Gemeinschaft/Gesellschaft, von ihren eigenen Zielen abzuweichen.

STRATEGIEN

Dieser vorgenannte Wissenaufbau war integraler Bestandteil und der Beginn eines jeden Workshops der Mobilen Universität Berlin, ebenso, wie das Vermitteln von Strategien im Umgang mit konkreten räumlichen, sozialen oder emotionalen Situationen

Hierfür lieferten Fachdisziplinen die Methodenkenntnis, die innerhalb der Workshops in ein spielerisches Format transformiert wurden. Auf diese Weise konnten Situationen geschaffen werden, die unterschiedlichste TeilnehmerInnen mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten und Stärken, aber auch mit Hemmungen und Vorbehalten in einem sozialen Prozess zu einer schöpferischen sozialen Skulptur zusammengebracht haben.

Viele neue Formate wurden vermittelt und innert des schützenden Rahmens der Mobilen Universität ausprobiert. Kern der Diskussionen waren nahezu immer die Hemmungen den öffentlichen Raum aktiv zu nutzen, zu verändern oder sich einzuschreiben und Spuren zu hinterlassen.

GESELLSCHAFT

Ein solcher Prozess braucht die Gesellschaft, wie auch die Gesellschaft derartige Prozesse braucht. Es braucht Menschen, die sich verantwortlich fühlen, ohne auf einen Auftrag oder die vielgerühmten „die da oben“ zu warten. Menschen, die sich Engagieren, auch für die Belange Anderer und ungefragt Initiative ergreifen.

Fachleute können helfen viele dieser Prozesse anzustoßen, zu begleiten, mit Methodenkenntnis und Prozess- und Fachwissen zu bereichern. Dafür müssen diese aber den institutionellen oder universitären Rahmen verlassen und die Menschen dort aufsuchen wo sie sind, den Diskurs dort führen, wo er raumwirksam wird.

Darüber hinaus ist es notwendig das tradierte Rollenverständnis von Lehrender/m und Lernender/m zu hinterfragen. Hinterfragen derart, als dass jede/r Lehrender und Lernender gleichermaßen ist und hybride zwischen diesen Rollen wechseln kann. Jede/r weiß und kann etwas, das diese Person besonders auszeichnet und von diesem Wissen können letztlich alle profitieren.

RÜCKSCHLÜSSE

Wenn es etwas gibt, das in den Workshops der Mobilen Universität Berlin besonders klar und deutlich hervorgetreten ist, ist es genau das: das gemeinsame Lernen, bei dem nicht nur unklar, sondern auch letztlich unerheblich ist, wer die Lehrenden und wer die Lernenden sind, da alle gemeinsam beides waren.

Insofern wurden wir selbst ermutigt an dieser Idee einer neuen Form des Lehrens und Lernens weiter zu denken und zu arbeiten sowie wir auch weitere Interessierte begleiten wollen, es dem gleich zu tun.

Die Idee „Mobile Universität“ wird vom impulsbüro mikromakro ebenso weiterentwickelt, wie auch der Prototyp die „Mobile Universität Berlin“ von den Projektpartnern zusammen mit den neugewonnenen Kooperationspartnern weiter entwickelt und –betrieben werden wird.

Wir danken dem BMW Guggenheim Lab für das entgegengebrachte Vertrauen und die Möglichkeit dieses Projekt in die Welt zu bringen. Ohne die weitreichende Hilfe des gesamten Lab-Teams wäre die Arbeit in dieser Form nicht möglich gewesen.

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